Die Reister Orgel

Geschichte

Das Reister Instrument hat seinen Ursprung in der 1633 für die Klosterkirche Grafschaft gebauten Orgel. Über den Erbauer der damaligen Orgel sowie über deren Gehäuse und Gestaltung des Prospektes gibt es keine Erkenntnisse. Im Zuge des Neubaus der Grafschafter Klosterkirche von 1738 bis 1743 wurde die Orgel nach Reiste versetzt. Hier stand sie zunächst in der alten romanischen Kirche (rechts abgebildet), die wahrscheinlich im 11. oder 12. Jahrhundert errichtet worden ist. Als diese 1835 wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste, wurde die Orgel 1836 durch den Orgelbauer Eberhard Kraft in die Notkirche versetzt.

 

1849 wurde der Grundstein für die neue im neugotischen Stil errichteten Reister Kirche gelegt. Bereits während der Bauphase der heutigen Kirche plante der Reister Lehrer, Küster und Organist Johann Friedrich Nolte (1809-1874) einen großzügigen Orgelumbau, der die Erhaltung des gesamten alten Pfeifenmaterials und der Register vorsah. Am 03. April 1849 legte Nolte dem zuständigen Bauinspektor Kronenberg zu Arnsberg seinen Dispositionsentwurf nebst Kostenvoranschlag (1.590 Taler) vor. Nolte änderte noch mehrfach seinen ersten Entwurf, blieb aber bei der geplanten Verwendung des alten Pfeifenmaterials. Offenbar setzte er sich hierbei gegen die Auffassung verschiedender Orgelbaufirmen durch, die alle von gänzlich neuem Material ausgingen. Die Pfarrgemeinde Reiste entschied sich aus dem vorliegenden Angeboten für den Orgelbauer Anton Fischer aus Beckum. Zur Begründung schrieb Nolte in einem 1862 im Mescheder Kreisblatt erschienen Artikel:

 

Von dem 1835 zu Reiste verstorbenen Herrn Pastor Heimes als ausgezeichneter Organist und Kenner des Orgelbaus weithin bekannt und berühmt, (...) war Herr Fischer als tüchtiger und gewissenhafter Orgelbauer für die neuen Werke zu Olpe, Schönholthausen, Oedingen und Heinsberg empfohlen. (...) Die Achtung und das Vertrauen, welches Herr Fischer bei Herrn Pastor Heimes genossen, hatte sich in Reiste vererbt und veranlasste den Kirchenvorstand im Nov. 1852 mit Herrn Fischer zu contrahieren.

 

Selbst Orgelbauer Anton Fischer empfahl zunächst den Bau einer vollständig neuen Orgel. So sprach er in einem Attest zur alten Orgel davon, dass das neue Werk bei der Einbeziehung des alten jeden Wert verlieren würde. Er baute  jedoch dann nach den Plänen Noltes in den Jahren 1852 - 1854 ein zweimanualiges Werk, in dem sieben Register aus der alten Grafschafter Orgel von 1633 sowie sechs weitere Register des 18. Jahrhunderts unbekannter Herkunft ihren Platz fanden. Die Windladen der Orgel wurden sämtlich neu gebaut. Noltes hervorragenden Kenntnissen im Orgelneu- und umbau ist es zu verdanken, dass die Reister Kirche schon damals ein historisches und wertvolles Instrument besaß. Bei der Einweihung 1854 hatte die Orgel nur ein notdürftiges Gehäuse. Von den insgesamt vorgesehenen 29 Registern waren nur 24 ausgebaut. 1858 fertigte der Bildhauer Veltmann aus Münster ein neugotisches Gehäuse an, das vor den vorhandenen Prospekt gesetzt wurde. Johann Friedrich Nolte, der u.a. auch als Gutachter bei den Orgelum- und Neubauten in Schmallenberg, Eversberg, Cobbenrode und Plettenberg tätig war, sah in dem Umbau der Reister Orgel vermutlich eine Lebensaufgabe. Im Mescheder Kreisblatt erschien 1862 ein Artikel von Nolte mit dem Titel "Die neue Kirchenorgel zu Reiste". Dort hieß es:

 

"Auf dem Kirchweihfest am 12. Novbr. 1854 stand das Werk vollendet zur Verherrlichung der gottesdienstlichen Feier. Verschiedene Sachkenner (...) haben im Laufe der Zeit das Werk untersucht und geprüft. Keiner fand etwas auszusetzen. Nur l. Es befriedigte Alle. Was ließ sich auch anderes erwarten? - Jedes Register entspricht vollkommen seiner Aufschrift. Reiste besitzt ein Meisterwerk des Orgelbaues, welches alle neuern Werke seines Gleichen, die Einsender bekannt sind, weit hinter sich zurückläßt. (...) Dieses Werk wird der Zeit trotzen, wenn es nicht vernachlässigt oder gar muthwillig verderbt wird. (...) Umso mehr fühlt, Herrn Fischer gegenüber, Einsender veranlaßt und verpflichtet, nach Verlauf von acht Jahren der Wahrheit das Zeugnis zu geben und öffentlich auszusprechen, daß sichdas neue Orgelwerk in allen Teilen und in jeder Beziehung in einer neuen Kirche, die noch fortwährend austrocknet, vollkommen selbst approbiert hat. Herr Fischer hat seinen Kollegen gegenüber den Vorzug, als Orgelbauer ersten Ranges öffentlich empfohlen zu werden.

 

Die Orgel überdauerte gut 100 Jahre weitgehend unverändert. Fehlende Register, die Nolte zwar im Entwurf vorsah, aber 1854 noch nicht verbaut waren, wurden vermutlich im Laufe der Zeit ergänzt. Einzig das Gehäuse aus Weicholz litt unter starkem Wurmbefall und wurde bis 1950 schon teilweise demontiert. Rudolf Reuters (1920-1983), Orgelsachverständiger des Westfälischen Amtes für Denkmalschutz, spricht dennoch 1951 von einer "fast unverändert erhaltenen Orgel" im Zustand von 1860.

 

Das Gehäuse der Orgel war seinerzeit direkt an der Emporenbrüstung aufgebaut. Der Spieltisch war seitlich der Orgel angeordnet. Während der 1960er Jahre erfolgten Umbauten an der Orgelempore die weitere Veränderungen am Gehäuse zur Folge hatte.

 

1972/73 erfolgte unter der Beratung des Landeskonservators ein grundlegender Umbau der Orgel durch  die Dorstener Orgelbauwerkstatt Franz Breil. Dabei wurde der neugotische Prospekt aufgegeben und durch ein neues Gehäuse ersetzt, das sich im weitesten Sinne am barocken Werkprinzip orientiert. Intention war damals wohl, ein Gehäuse zu erstellen, dass der Pfeifenstellung der Orgel von 1633 nahe kommt. Außerdem wurde die gesamte technische Anlage mit Gerüstwerk, Spielanlage und Trakturen mit Materialien der 70er Jahre erneuert. Der Spieltisch steht seit dem Umbau mittig vor der Orgel. Vermutlich stammen die Registerbeschriftungen von dem alten Instrument. Die Orgeleinweihung erfolgte am 12.08.1973.

 

Der Orgelumbau der 1970er Jahre wurde seinerzeit zwar als "Restauration" bezeichnet, fachlich muss jedoch eher von einen Orgelneubau unter Verwendung historischer Bauteile gesprochen werden. Jedoch ist gerade die Übernahme der alten Orgelpfeifen und Windladen in die neue Orgel aus heutiger Sicht als Glücksfall zu werten. Die Disposition der Orgel wurde 1973 nur geringfügig in Richtung eines barockeren Klangbildes geändert. Das heute vorzufindende Pfeifenwerk entstammt zu einem großen Teil aus dem 17. Jahrhundert (Orgel von 1633) sowie aus dem 19. Jahrhundert (Orgel von 1854).  Mit der Vernichtung des neugotischen Prospekts ging jedoch ein wesentliches und markantes Ausstattungsstück der Reister Pfarrkirche verloren.

Die Orgel befand sich zuletzt zwar in einem spielbaren Zustand, war jedoch sehr stark verschmutzt. Auf Grund sehr schlechter Zugängigkeit einiger Pfeifen war eine Stimmung des Instrumentes länger nicht möglich. Einige Prospektpfeifen waren von Bleifraß befallen.

Der Orgelumbau der 1970er Jahre hatte aus heutiger Sicht den denkmalpflegerisch fehlerhaften Ansatz, eine einstige Barock-Orgel wieder herzustellen. Die Maßnahme ist dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Dennoch bewertet der Orgelbeauftragte des Erzbistums Paderborn Herr Jörg Krämer in einem Grundsatzgutachten aus dem Jahr 2007 die Übernahme des alten Pfeifenbestandes als höchst erfreulich, verdienstvoll und sogar als Glücksfall. Gleiches gelte für den Erhalt der alten Windladen. Insgesamt sei der erhaltene Bestand der Orgel in Reiste geeignet, das Instrument mit seiner eigenen und individuellen Geschichte in die vorderste Reihe der denkmalwerten Orgeln des Sauerlandes und ganz Westfalens zu stellen.

Der Zustand der Orgel erforderte dringenden Handlungsbedarf. So hat sich im Jahre 2008 der Verein Projekt Reister Orgel gegründet, da die Kirchengemeinde beschlossen hat, eine über eine Reinigung hinausgehende denkmalpflegerische Restaurierung durchzuführen. Ziel war es, die Orgel wieder in ihren historischen Kontext von 1854 zu versetzen. Nach langer intensiver Vorbereitungszeit, in der es vor allem darum ging, die Finanzierung des ambitionierten Vorhabens sicher zu stellen, konnte im Jahr 2015 die Orgelbaufirma Eule aus Bautzen mit der Restaurierung beauftragt werden. Der Abbau der Orgel erfolgte im November 2015. Im Anschluss folgte die fast drei Jahre andauernde Restaurierung der Pfeifen und Windladen sowie die Konstruktion des Gehäuses und der Technik im Inneren der Orgel. Der Wiederaufbau der Orgel konnte im September 2018 abgeschlossen werden. Die feierliche Wiedereinweihung nahm Dechant Georg Schröder in einem Festgottesdienst am 30. September 2018 vor. 

 

             
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